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Warum wir uns ungern von Dingen trennen

Aktualisiert: 18. Feb. 2019

“Ich kann mich davon einfach nicht trennen!” Kommt Dir diese Aussage bekannt vor? Nun, da bist Du nicht allein. Für viele Menschen stellt die Unfähigkeit, sich von einer Sache trennen zu können, oder auch “los zu lassen”, eine der größten Hürden dar, warum sie nicht aufräumen und dadurch ein geordneteres und entspannteres Leben führen können. Das bezieht sich nicht nur auf materielle Dinge, sondern auch auf andere Bereiche wie Beziehungen, Medienkonsum, Essverhalten und vieles mehr.


Auch mir ging das so, als ich meinen kompletten Hausstand aufgelöst habe. Bei vielen Sachen, die ich in die Hand nahm, kamen Erinnerungen hoch oder der Gedanke “Das hat einmal viel Geld gekostet”. Und von einigen Dinge habe ich mich auch tatsächlich bewusst nicht getrennt, wenn ich merkte, dass sie in mir eine starke emotionale Bindung hervorriefen.


Und hier sind wir auch schon bei einem zentralen Punkt, warum es uns so schwer fällt, los zu lassen: Beim Aufräumen oder Aussortieren handelt es sich nicht um ein rein rationales und monotones Wegräumen oder Entsorgen von Gegenständen. Vielmehr geht es dabei um eine sehr bewusste und intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, was auch der Grund ist, warum uns das Ausmisten so viel Energie kostet.


Parallel zu meinen eigenen Erfahrungen habe ich mich näher mit dem Thema beschäftigt, warum es Menschen generell schwerfällt, sich von Dingen zu trennen. Dabei bin ich immer wieder auf einen zentralen Aspekt gestoßen, auf den ich im folgenden genauer eingehen möchte: die Verbindung zwischen Besitz und Identität. Unser Wunsch, etwas zu besitzen, hat offensichtlich viel mit unserem Streben nach Glück und Status zu tun, und hat damit großen Einfluss auf unser Selbstwertgefühl.


Identität - der Gegenstand als Ich


Wenn wir uns etwas neu anschaffen, ist dieser Gegenstand erst einmal einfach nur da in unserem Leben, nicht mehr und nicht weniger. Entscheidend ist, was für einer Beziehung wir zu dem Gegenstand aufbauen. Denn in vielen Fällen stellen wir bewusst oder unbewusst eine Verbindung her zwischen dem, was wir besitzen und wer wir sind, also unserer Identität.

Auch das ist zunächst einmal nichts Verwerfliches, schließlich gab es ja einen Grund, warum wir uns etwas angeschafft haben oder behalten möchten. Besonders deutlich wird dies bei Erinnerungsstücken. Die Erinnerung an positive Momente in der Vergangenheit ist zwar bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt, aber jeder hat sie. Dabei neigen wir dazu, uns viel eher an die positiven Erlebnisse aus der Vergangenheit zu erinnern. Wenn wir an die “gute, alte Zeit” denken, fühlen wir uns glücklich und geborgen. Folglich heben wir Dinge auf, die uns an diese Momente erinnern, und es fällt uns umso schwerer, uns von diesen “Erinnerungsstücken” zu trennen. Das ist auch völlig verständlich. Wenn der Anblick eines Fotos von den verstorbenen Großeltern hier und jetzt positive Emotionen auslöst, wäre es töricht, dieses einfach wegzuschmeißen.


Problematisch wird es allerdings, wenn wir beginnen, unser Selbstwertgefühl an gewisse Objekte zu binden und so eine starke emotionale Abhängigkeit von materiellen Dingen entwickeln. Das Grundproblem ist daher nicht der Besitz an sich, sondern die Qualität unserer Beziehung zu ihm, also unsere Haltung gegenüber dem Besitz und inwieweit wir emotional von ihm abhängig sind.


Und hier gibt es große graduelle Unterschiede. Die Palette reicht von nicht oder kaum abhängig bis hin zur totalen Identifikation mit gewissen materiellen Dingen und damit zu völliger Abhängigkeit.


Die verschiedenen Stufen der Identifikation / Abhängigkeit möchte ich anhand von einigen Beispielen darstellen:


1. Keine Identifikation, keine Abhängigkeit bei Ablehnung


Beim Aufräumen Deiner Küchenschublade entdeckst Du den hässlichen grünen Kochlöffel, den Du bei einer Weihnachtsfeier gewonnen hast. Du denkst: “Oh je, den habe ich noch - bloß weg damit!”


2. Kaum Identifikation und geringe Abhängigkeit bei Investition


Du hast Dir vor zwei Jahren einen Pullover gekauft, den Du nie getragen hast. Eigentlich hattest Du schon ganz vergessen, dass du diesen Pullover überhaupt besitzt. Aber plötzlich fällt er Dir beim Durchwühlen Deines Kleiderschrankes in die Hand und Du denkst: “Eigentlich brauche ich den gar nicht, aber der war ganz schön teuer.” Du haderst zwar mit Dir, weil Du einmal Geld für den Pullover ausgegeben hast; und Geld bedeutet Zeit, und Zeit ist tatsächlich ein wichtiges Gut. Allerdings verliert nach einer Weile die Begründung, etwas zu behalten, nur weil es einmal teuer war, ihre Wirkung und damit verringert sich auch das Abhängigkeitsgefühl.


Hier ist es wichtiger darauf zu achten, sich den Gegenstand erst gar nicht anzuschaffen. Dem Bedürfnis nach Besitz liegt oft der Wunsch zugrunde, ein Glücksgefühl zu genießen, und sei es noch so kurz. Shopping-Euphorie ist nur von sehr kurzer Dauer, aber unser Wunsch nach augenblicklicher Befriedigung sitzt so tief, dass wir immer wieder darauf reinfallen. Am besten wirkt man solchen Impulskäufen entgegen, wenn man nicht sofort kauft, sondern das Teil erst einmal wieder zurücklegt und eine Nacht darüber schläft. Auch ein Blick in den Kleiderschrank kann helfen, um sich klar zu machen, dass man bereits eine Menge (ähnlicher) Teile besitzt. So behält man die Kontrolle über seine spontanen Gefühle und die Aura des verführerischen Angebots vom Vortag hat sich dann oftmals schon verflüchtigt.


3. Etwas stärkere Identifikation und Abhängigkeit bei Sicherheit


Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, was sich letztendlich aus unserem Urinstinkt speist, Gefahren so oft und dauerhaft wie möglich aus dem Weg zu gehen. Fast alles, was wir uns anschaffen, ist in irgendeiner Weise mit diesem fundamentalen Sicherheitsgefühl verbunden. Wenn Du beispielsweise einen Gegenstand nur einmal verwendet hast und ihn wahrscheinlich nie wieder gebrauchen wirst, fragst Du Dich dennoch sicherheitshalber: “Was aber was ist, wenn ich den Gegenstand irgendwann in der Zukunft doch noch einmal brauche? Und dann stehe ich da und habe nichts.”


Unser Streben nach Sicherheit behindert leider oft unseren logischen Verstand, der uns sagt, dass unsere Sorge völlig unbegründet ist. Wichtig ist, aus sich heraus zu treten und zu fragen ob die Sorgen berechtigt sind. Hier hilft, den Fokus auf die Gegenwart zu richten und sich die zentrale Frage zu stellen: “Benötige ich den Gegenstand wirklich hier und jetzt?” Ist die Antwort Nein, kommt das Objekt weg.


4. Starke Identifikation und Abhängigkeit bei Statussymbol (oder Sucht nach Anerkennung)


Hier kommen wir in den eigentlichen Problembereich, denn anstatt Objekte nicht mehr nur als Besitz zu betrachten, werden sie zum Ausdruck des eigenen Ichs. Das bedeutet,

dass die eigene Wertschätzung vorrangig an materiellen oder immateriellen Statussymbolen gemessen wird, von denen man sich logischerweise nur sehr schwer trennen kann.


Hierzu folgendes Beispiel: Ein Mensch, der großen Wert auf Erfolg legt, hat möglicherweise Schwierigkeiten, auf alles zu verzichten oder alles zu beseitigen, was als konkrete Erinnerung an seine Erfolge dient: eine teure Uhr, die nicht mehr funktioniert, ein großes Auto, was eigentlich nicht benötigt wird, oder ein gut klingender Titel, den es im neuen Unternehmen nicht mehr gibt. Wenn diese Objekte, in denen sich seine Erfolge manifestieren, plötzlich fehlen, kann das dazu führen, dass sich dieser Mensch tatsächlich weniger erfolgreich fühlt. Es mag sogar so weit gehen, dass er meint, damit ein Teil seiner Identität zu verlieren.


Diese Form der starken Identifikation und Abhängigkeit kann sich auch auf andere, nicht materielle Bereiche beziehen, wie z.B. Aussehen oder Beziehungen. Während die eine Person ihren Selbstwert mit ihrem physischen Erscheinungsbild verbindet, kann eine andere Person denken, dass ihre eigene Wertschätzung vorrangig von der Zustimmung anderer Personen herrührt. Hier ist auch die exzessive Selbstdarstellung in den verschiedenen Social Media-Plattformen anzusiedeln. Die tollen Urlaubsfotos voll mit schönen und fröhlichen Menschen sollen beweisen, dass man auch im Privatleben “alles hat”, auch wenn dies oftmals nicht der Fall ist.


Menschen, die sich sehr stark über materielle Dinge oder andere Menschen definieren, also im Grunde über Dinge, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, werden wahrscheinlich nicht sonderlich geneigt sein, eine minimalistischere Lebensweise zu führen. Denn sobald sie all diese Dinge entfernen, aus denen sie ihr Selbstwertgefühl speisen, werden sie gezwungen, sich mit dem zu beschäftigen, was übrig bleibt. Und was ist das?


Nun, bei einem Menschen, der selbstbestimmt lebt, ist es das, was er mit Leidenschaft tut, wofür er einsteht, welche Werte er in seinem Leben verfolgt. Diese Komponenten bilden das Zentrum seiner Identität. Wer sich allerdings vorrangig über Äußerlichkeiten, materielle Dinge oder andere Personen definiert, hat dieses Zentrum genau mit diesen Elementen zugestellt. Fehlen diese plötzlich, sieht man sich mit der Herausforderung konfrontiert, danach beurteilt zu werden, wie man handelt, anstatt beispielsweise welches Auto man fährt. Das kann ein sehr schmerzhafter Prozess sein, weshalb es so unglaublich schwierig für manche Menschen ist, sich von ihren Statussymbolen zu trennen.


Minimalismus bedeutet Kontrollgewinn


Zugegebenermaßen sind die Beschreibungen unter dem vierten Punkt ein wenig extrem und sehr negativ ausgefallen. Vielleicht hätte ich es anders formuliert, wenn ich noch nicht soweit wäre mit meinem minimalistischen Lifestyle. Natürlich möchte jeder Mensch akzeptiert werden und auch anderen gefallen. Und es ist auch völlig in Ordnung, sich dabei bis zu einem gewissen Grad an Äußerlichkeiten zu orientieren. Wer möchte schon darauf verzichten, sich richtig gut zu stylen, wenn man abends ausgeht? Oder bei einem Vorstellungsgespräch oder Meeting mit Kunden die Chance verpassen, mit Hilfe des richtigen Outfits professionell aufzutreten und erfolgreich zu sein.


Problematisch wird das Ganze nur dann, wenn wir

  1. die Entscheidung dazu nicht mehr bewusst treffen und

  2. unser Verhalten auf Angst basiert, z. B. aus Angst, den sozialen Status zu verlieren.

Wenn wir tatsächlich glauben, das wir nur dann “dazu gehören”, wenn wir Markenkleidung oder ein teures Auto besitzen, begeben wir uns in die Abhängigkeitsfalle, die uns dann daran hindert, bewusst und unabhängig zu entscheiden. Im Grunde verlieren wir dadurch völlig die Kontrolle über unser Handeln, und überlassen unser Schicksal äußeren Umständen.


Und genau hier kann Minimalismus seine volle Wirkung entfalten. Die Entwicklung einer minimalistischen Lebensweise ist ein hervorragendes Selbst-Management-Training. Dich von Dingen zu trennen ist eine bewusste Entscheidung, durch die Du Kontrolle über Dein Handeln und Denken gewinnen kannst. Anstatt abgelenkt zu werden oder Dich von äußeren Umständen leiten zu lassen, die Du meist eh nicht kontrollieren kannst, bist Du souverän und unabhängig und kannst frei entscheiden, wie Du Deine Energie und Zeit einsetzt.


Minimalismus bedeutet eben nicht Verzicht und Verlust, sondern im Gegenteil: Werte wie Kreativität, Neugierde und Offenheit für Neues bekommen plötzlich viel mehr Raum. Aber auch in materieller Hinsicht kann ein Downsizing durchaus lukrativ sein. Wenn man beispielsweise auf ein kleineres Auto umsteigt oder das eigen Auto gleich ganz aufgibt und stattdessen auf Car-Sharing setzt, kann man eine Menge Geld sparen und sich dafür eine tolle Reise gönnen, die man schon lange einmal machen wolltest.


Wenn man es genau nimmt, bedeutet Minimalismus und der damit verbundene Fokuswechsel positive Veränderung und sogar Reichtum: man verzichtet, aber nur um sich an anderer Stelle mehr leisten zu können; man beginnt, die wahren Werte zu entdecken und was einen wirklich wichtig ist und glücklich macht.


Warum wir uns ungern von Dingen trennen
Photo by Sarah Dorweiler on Unsplash


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